Sonnenuntergang am Wohnmobil, Kolumbien, Salento
Sonnenuntergang am Wohnmobil, Kolumbien, Salento

Glück gehabt – unser beunruhigendstes Erlebnis bisher

Es macht einen Riesen Unterschied, ob man sich freiwillig in Gefahr begibt, schwindelerregende Höhen erklimmt und sich dabei an steilen Abhängen entlang drückt …

– oder ob etwas sehr Beängstigendes und Unbekanntes völlig unverhofft passiert. Dieser Montag fing erstmal harmlos an. Um 7:30 begann das Auto zu wackeln und unsere blauer Wasserkessel, der mit einem bunten Elefanten verziert ist, schepperte auf dem Gasherd.

Ich dachte, dass Patrick auf dem Dach steht und wackelt, weil er was am Auto testet. Doch dann sah ich durch die hintere Tür, dass er ein paar Meter hinter dem Auto stand. 

Da wußte ich, dass gerade etwas ganz verrücktes passiert und sprang aus dem Auto. Der Boden wackelte extrem, die naheliegenden Bäume wurden durchgeschüttelt und warfen trockenes Laub und Äste ab. 

Ich ging nochmal ins Auto um das Handy zum Filmen rauszuholen. Dann rief Patrick mich von den Bäumen weg und rief: „Krass, ein Erdbeben!“

Ich rief mit verzerrter Stimme: „Ich hab’ Angst, dass die Erde aufreißt!“ In meiner Vorstellung, die ich aus Katastrophenfilmen hatte, passierte sowas bei einem Erdbeben. 

Das ganze dauerte ein paar Minuten und war ein unbeschreibliches und sehr beängstigendes Gefühl. Man kann nicht flüchten! Zu dem Zeitpunkt war uns noch nicht klar, was genau vor sich ging. 

Wir hatten nahe einer Finca im Grünen übernachtet. Am Vortag waren wir zum Abkühlen an einem Wasserfall. Neben uns befand sich eine Betonfläche, die mal das Fundament von einem Stall gewesen musste und ein paar übriggebliebene Säulen.

In der Nähe waren Bäume und nur einen Steinwurf entfernt gab es einen Hof mit Milchviehbetrieb. Das Haus schien komplett in Ordnung sein. Die Tiere waren bereits auf der Weide. Sie hatten sich nicht bemerkbar gemacht.

Als es vorbei war, sag ich ein paar Vögel vorbeifliegen. Sie schien, das was gerade passiert war, überhaupt nicht zu stören. Ich zu Patrick: „Wenn wir fliegen könnten, hätten wir vielleicht nichts davon gemerkt.“ 

Wir recherchierten erstmal im Internet und waren bestürzt, daß es ein Beben Stärke 7,4 gewesen war. Die Seite vom Potsdamer Helmhotz Zentrum (klick) fand ich dazu sehr informativ.

Das Epizentrum war gerade mal 60km westlich von Pereira und wir befanden uns 20km westlich von dort. Erstmal waren wir sehr erleichtert, dass wir nicht in der Stadt geblieben waren. 

Doch der Schrecken saß tief und den mussten wir erstmal verdauen. Wir brauchten eine ganze Weile zum Klarkommen und beschlossen erstmal nicht weiterzufahren.

Beim Gespräch mit dem Nachbarn riet dieser Patrick, wir sollten nicht in die Stadt fahren, der Notstand war ausgerufen worden. In der Navi App wurde angezeigt, dass die Hauptstraßen gesperrt waren.

Ich merke gerade beim Schreiben, wie mein Bauch anfängt mit Grummeln. Als würde er sich ganz genau daran erinnern. Gleichzeitig tut es gut darüber zu schreiben, das Erlebte zu ordnen und nochmal zu reflektieren. 

Wir spazierten also am Nachmittag zum anderen Wasserfall „Los Micos“. Zum Wasser musste man an einer steilen Wand entlang klettern. 

Dabei dachte ich: „Könnten jetzt noch Nachbeben kommen?“ und war so dankbar, dass ich am Morgen ebenen Boden unter den Füßen gehabt hatte. 

Die Hauptstraße nach Pereira und Armenia waren auch am Folgetag noch gesperrt. Nach unserem morgendlichen Sportroutinen frühstückten wir. So war es bereits nach dem Mittag und ordentlich heiß, als wir zum Einkaufen fuhren.

Die Spur der Zerstörung – und ein Zufallsfund

Unterwegs sahen wir einige kaputte Häuser und am Straßenrand der Autopista lagen umgestürzte Bäume und Erdrutsche versperrten die Spur. Die Aufräumarbeiten waren schon erledigt, oder in vollem Gange. 

Im nächsten größeren Ort Cartago schien alles normal. Wir hielten an der wunderschönen Kathedrale an. Ich hatte Lust zum Fotografieren, der Himmel war blau.

Neben der Kirche fanden wir den Markt. Doch Obst und Gemüse gab es dort nicht. Stattdessen Textilien, Schuhmacher und 2nd Hand Elektronikwaren. 

Wir kamen an einem Recycling Stand für Heim Elektronik vorbei. Dort fanden wir einen Computer Lüfter für die Belüftung unserer Trocken Trenntoilette. So einen hatten wir schon lange gesucht.

Unser Klo konnten wir nämlich bisher kaum nutzen. Ein ordentliches Geschäft und direkt ausleeren, anders ging es nicht. Mit dem Lüfter und ordentlicher Abdichtung der Wände, sollte sich das aber ändern! 

Beim Spaziergang durch das Städtchen wurde uns in der Mittagshitze schnell zu heiß. Also füllten wir noch schnell unsere Obst- und Gemüsevorräte auf, fanden in einer Ferreteria die Rohre, die wir auch für das Klo Projekt brauchten, tranken einen Café und fuhren weiter.

Die schlimmsten Auswirkungen sahen wir später am Nachmittag im Dorf Ansermanuevo. Dort waren viele der alten, kolonialen Häuser schwer zerstört. 

Die Terrakotta Dachziegel waren heruntergefallen und ganze Straßenzüge ohne Dächer. Alle waren am Aufräumen, saubermachen und reparieren. Es wurde gemeinsam angepackt. 

Es gab Musik und Frauen gingen herum und versorgten die Arbeitenden mit Sandwiches und Getränken. Kurz vorm Dunkelwerden kamen wir bei Brisas del Rio an, ein typischer kolumbianischer Ausflugziel, an einem angestauten Bach.

Der Eigentümer war freundlich. Er hatte mehrere Kokospalmen und servierte uns köstliches gekühltes Kokoswasser, ein Highlight, dass uns an unsere Zeit in Panama erinnerte.

Vor Ort gab es ein Restaurant, wo seine Schwester Sonntags kochte, Spielplatz und Grillmöglichkeiten. Wir blieben 3 Nächte.

Patrick baute die Toilette um und wir warteten ab, bis die Straßen wieder freigegeben wurden. Wir vertrieben uns die Zeit mit Baden im Fluß und unterhielten uns mit den Menschen vor Ort. 

Autoreparatur in Kolumbien – Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser

Unser nächstes Ziel war Pereira. Der Ort war schlimm zerstört worden. Patrick hatte am Stadtrand einen Automechaniker recherchiert, mit Spezialisierung auf LKW Bremsen. 

Wir ließen unsere Bremsleitungen austauschen. Das ging auch recht schnell und wir fuhren danach zum Einkaufen. Doch auf dem Weg zum Supermarkt hörte Patrick ein Klacken.

Auf dem Parkplatz stellte er fest, dass der Bremsleitungs Schlauch nicht korrekt angebracht war. Also ging es nochmal zur Werkstatt zum Nachstellen der Bremsleitung. 

Patricks Kommentar darauf war, wie schon so oft: “Wenn man nicht alles selber macht!“ Es war bereits Nachmittag, als es nach Salento ging. Wir besuchten hier Ridgy, einen Freund eines Freundes aus Deutschland. 

Er hatte uns die Koordinaten für einen Stellplatz geschickt. Die Fahrt führte durch die wunderbaren Berge der kolumbianischen Kaffeeregion. Als wir ankamen, dämmerte es bereits. 

Der Parkplatz war abschüssig und fast alle Plätze belegt. Wir wussten zunächst nicht so recht, wie wir unseren Van hinstellen wollten. 

Die Dämmerung schenkte uns einen rosaroten Himmel. Der Parkplatz grenzt an einen beleuchteten Park, der von vier großen Mehrfamilienhäusern umringt wird. 

Der Panoramablick auf die Berge war einfach atemberaubend! Die Anlage gehört zur Ruta de las Artesanías. Patrick fuhr den Van auf Holzklötze, um die Schräglage wenigstens etwas auszugleichen.

Ridgy war noch gar nicht da. Er wohnt in einem der Häuser. Seine Nachbarin kam direkt auf uns zu. Sie begrüßte uns herzlich.

Ankunft in Salento – Was Gastfreundschaft in Kolumbien wirklich bedeutet

Sie zeigte uns direkt neben dem Parkplatz einen kleiner Pfad durch ein Bambuswäldchen. „Von dort aus kommt man zu Fuß direkt nach Salento“, sagte sie.

Doch das war längst nicht alles. Sie fragte uns, ob wir etwas essen oder trinken möchten. Sie verkauft selbst gemachte Arepas – Maisfladen, die ein bisschen an die mittelamerikanischen Tortillas erinnern.

Außerdem stellt sie Kefir her. Nicht den Kefir aus Milch, den man im Supermarkt bekommt, sondern Wasserkefir.

Kräuter zog sie auch. Da Patrick an diesem Tag Probleme mit dem Magen hatte, schenkte sie ihm etwas Minze. Ich machte ihm daraus einen Tee. Dann fragte ich sie, ob es hier Eier gäbe.

„Gegenüber“, sagte sie. Dort wohne eine Frau, die „huevos criollos“ verkauft. Das sind Eier von freilaufenden Hühnern. Also machte ich mich mit dem Portemonnaie in der Hand auf den Weg.

Ich lief über den kleinen Platz und traf unterwegs einen Mann. „Hola, que tal? – Hallo, wie geht’s?“ Er stellte sich vor und bot mir an, bei ihm handgemachte Souvenirs anzuschauen. 

Ich lehnte dankend ab und fragte stattdessen, wo ich Eier kaufen könne. Er zeigte mir das Haus von Adriana und stellte mir anschließend noch seinen Hund Coco vor. 

Ein paar Tage später schauten wir uns seine Werkstatt an und kauften einige seiner niedlichen Souveniers, die er aus Naturmaterialien wie Holz, Nussschalen oder Kaffeebohnen herstellte.

Fast alle Gebäude in Salento sind bunt gestrichen und aufwendig verziert. Das kennen wir auch schon aus anderen Teilen Kolumbiens. Doch hier ist es so, dass wirklich jedes Haus bunt bemalt ist. 

Es ist quasi das Markenzeichen des Ortes und der gesamten Kaffeeregion, einer der großen Touristen-Hotspots des Landes. Ich streichelte also Coco und ging weiter.

Das Haus, in dem die Eier verkauft werden, war so ein wunderbar bunt bemaltes Haus. Ich stieg die Treppen hinauf und rief: „Buenas tardes, ¿cómo está? – Guten Abend – wie gehts?“

Oben angekommen, stand ich auf einer geräumigen Terrasse, die das Obergeschoss umrahmte. Dort gab es Fenster und Türen zu den Wohnungen links und rechts der Treppe.

Bei der Wohnung rechts sah ich ein junges Mädchen am Fenster sitzen. Ich fragte sie: „Donde se venden los huevos? Wo kann ich hier Eier kaufen?“ Sie rief ihre Mutter und erklärte ihr, was ich brauche. 

Sie begrüßte mich freundlich und sagte, dass Adriana bald kommen würde. „Setz’ dich doch.“ Also setzte ich mich in einen gemütlichen Sessel und schaute mich um. Die Wände waren holzverkleidet und wunderschön rot und grün bemalt. 

Für einen Moment fühlte ich mich wie in einem russischen Märchen. Nur die riesigen Pflanzen, die vom überstehenden Dach in an Seilen hängenden, halbkugelförmige Gefäßen hingen, waren kein bisschen europäisch, sondern tropisch.

Die sogenannte „Cacho de venado“ was soviel heißt wie Hirschgeweih, haben riesige Blätter und bilden eine faszinierende Symbiose mit Farnen und blühenden Kräutern.

Ein Mann kam aus Adrianas Wohnung und wir kamen ins Gespräch. Er wollte wissen, was wir in Kolumbien bereits gesehen hatten. Also erzählte ich ihm von der Sierra Nevada, von Medellín, Bogotá und San José del Guaviare.

Er hörte gespannt zu, von unserer Reise mit dem Wohnmobil durch dieses unglaubliche Land. Und dann kamen wir auf das Thema Gastfreundschaft. Ich wollte meine positiven Erfahrungen gern mit ihm austauschen.

Es ist ja nicht so, dass einem in Europa nicht geholfen wird, wenn man um Hilfe bittet. Aber hier ist nochmal etwas Anderes. Oft fragen die Menschen von sich aus, ob man irgendwas braucht.

Wenn man ein bisschen verloren aussieht und sich vielleicht verirrt haben könnte, kommt jemand und fragt: „¿Todo bien? Necesitas algo?“ – „Alles in Ordnung? Brauchst du etwas?“

Viele sprechen uns an. Sie sind neugierig. Sie wollen wissen, woher wir kommen, wohin wir fahren und was wir bereits gesehen haben. Und sie interessieren sich für unser Wohnmobil. 

Später am Abend kamen unsere Freunde Ridgy und Marga und wir staunten nicht schlecht, als wir seine Wohnung anschauten. Er war Schmuckdesigner und stellte hübsche Ohrringe, Ketten und Ringe her.

Beim Erdbeben hatte es im Verkaufsraum alle Waren aus den Schränken geschüttelt. Sie kamen gerade aus Pereira, wo die Familie wohnte. 

Marga erzählte sehr bedrückt: „so viele haben alles verloren und müssen in Zelten oder auf der Straßen schlafen.“ Sie selbst hatten Essen gekocht und in der Stadt verteilt. 

Geholfen wird in der Familie und nachbarschaftlich. Wir sahen viele Autos mit einem handgeschriebenen Aufkleber „Ayuda humanitaria – humanitäre Hilfe“. 

Diese Autos durften trotz Ausnahmezustand in die Städte einfahren. Viele sammelten Lebensmittel und verteilten sie vor Ort. Die Menschen helfen sich selbstorganisiert, sind füreinander da. 

Sie handeln anstatt zu warten, bis Hilfe von Außen kommt. Später trafen wir einen Mann der einen LKW gemietet hatte und von Geschäften Spenden mit Baumaterialien in die Gebiete brachte. 

Direkthilfe statt Hilfsfonds und die Gefahr, dass Gelder veruntreut werden. Das passt zu Kolumbien, einem Land das immernoch schwer unter Korruption leidet.

Für Viele ist diese Art des Reisens ganz neu. Mittlerweile ist es für uns schon die ganz normale kolumbianische Art, dass jemand fragt, ob er unser Haus auf Rädern von innen anschauen darf.

Sie interessieren sich dafür, wie wir in unserem Van leben. Und genau dieser Austausch ist herrlich, denn man fühlt sich willkommen. Ich finde das fantastisch und liebe dieses Land.

Diese Herzlichkeit erleben wir nicht nur in den Städten oder an touristischen Orten. Wir erleben sie überall. Dort, wo wir nachts stehen. In Dörfern. Auf Märkten. In Werkstätten. In winzigen Tiendas am Straßenrand.

Und manchmal beginnt eine Begegnung eben einfach mit der Suche nach ein paar Eiern. Aus einem kurzen Einkauf wird ein Gespräch und aus solchen Begegnungen entstehen manchmal Freundschaften. 

Genau das macht für mich das Reisen hier so interessant. Wir sind mit unserem Wohnmobil hergekommen und immer wieder sind es Menschen, die uns zeigen, was Kolumbien wirklich ausmacht.

Ich liebe es hier einfach. Und ich kann euch wirklich nur wärmstens empfehlen, dieses wunderbare  Land selbst zu besuchen.

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