2. Juliblog – San José del Guaviáre – mit dem Wohnmobil zum Tor des Amazonas

Bis zur Stoßstange im Lehm

Ein blauer LKW lag auf der Seite im roten Lehm der Piste, bis zur Achse eingesunken. Der Fahrer lag unter der Karre und buddelte. Seine Frau und sein Sohn halfen ihm. Sie versuchten gemeinsam, die Achse freizuschaufeln.

Wir stiegen aus und schauten uns die matschig, rote Lehmpiste an, die daran vorbeiführte. „Hola, buenos Dias!“ Wir schauten die 3 mitleidig an und gingen, die vom Regen ausgewaschene Strecke ab. „Hier passen wir vorbei!“, stellte Patrick fest. 

Also fuhren wir an ihnen vorbei, noch etwa einen Kilometer weiter. Dann standen wir auf einer Anhöhe. Vor uns ging es mehrere hundert Meter bergab. Dort bestand die Piste nur noch aus riesigen Wasserlöchern und 20 bis 30 Zentimeter tiefen Spurrillen. 

Unten Dschungel, oben wir mit unserem fast acht Tonnen schweren Mercedes 711 D. So gern wir weitergefahren wären – doch auf steckenbleiben oder Schlimmeres hatten wir keinen Bock!

Piste fahren macht Spaß, aber geht immer aufs Material. Also stellten wir uns die Frage: „Steht das Risiko in einem vernünftigen Verhältnis zum Nutzen?“ Für uns lautete die Antwort ganz klar: nein!

Den „Cerro Azul“ der Serranía de La Lindosa wollten wir unbedingt sehen. Doch unser Zuhause auf Rädern zu riskieren? Nein – dann lieber mit einem lokalen Fahrer im Geländewagen, auf einem Motorrad oder vielleicht sogar mit einer Lancha, als.

Also drehten wir um. Die Entscheidung war genau richtig. Denn auf dem Rückweg sanken wir an einer besonders matschigen Stelle bis zur Stoßstange im Lehm ein. Mit etwas Schwung kamen wir wieder heraus. Viel tiefer hätte es allerdings nicht sein dürfen.

Später erfuhren wir, dass der LKW-Fahrer an diesem Morgen Waren abholen wollte. Schließlich zog ihn ein Traktor wieder aus dem Lehm. Für uns war das die Bestätigung, auf unser Bauchgefühl gehört zu haben.

Dabei hatte unsere Reise so entspannt begonnen.

Von Villavicencio aus …

… folgten wir zunächst der Carretera 40 und später der Carretera 65 immer weiter Richtung Süden. Die Anden verschwanden langsam hinter uns und machten weiten Weideflächen Platz.  Von Granada aus wurde der Verkehr immer weniger. 

Zur Mittagszeit hielten wir an einem kleinen Asadero, einem typisch kolumbianischen Grillrestaurant am Straßenrand. Patrick bestellte gegrilltes Rindfleisch aus dem Steinofen. Ich entschied mich für eine große Bagre-Fischsuppe. Bagre, ein Tigerwels, gehört hier zu den beliebtesten Süßwasserfischen und schmeckte hervorragend.

Fast noch schöner als das Essen war die Atmosphäre. Der Weg zur Toilette führte mitten durch den privaten Wohnbereich der Familie. Vorbei am Schlafzimmer, durch die Küche und über den Innenhof. 

Dort schlief ein Baby friedlich in einer Wiege, Hühner liefen zwischen den Gebäuden umher und eine Katze döste auf einer Mauer in der Sonne. Solche Einblicke erleben wir in Kolumbien immer wieder. 

Familie und Restaurant gehen oft ganz selbstverständlich ineinander über. Für uns macht genau das den Charme des Reisens aus. Am Nachmittag erreichten nach ca. 5h Fahrt San José del Guaviare, das als Tor zum Amazonas gilt.

Hier endet für viele Reisende die Fahrt. Die Carretera 75 führt zwar noch ein Stück weiter nach Süden, endet jedoch schließlich mitten im Amazonas. Wer mit dem Fahrzeug hierher fährt, muss dieselbe Strecke wieder zurück. Für uns bedeutete das allein rund 800 Kilometer Hin- und Rückweg. 

Trotzdem war schnell klar: Diese Reise würde sich lohnen. Nach unserer Entscheidung umzudrehen, fanden wir auf der lehmigen Piste einen Stellplatz für die Nacht auf der Finca Brisas de Nowen.

Nacho, der Eigentümer, bereitete gerade alles für das Wochenende vor. „Hola Señor! Buenos trades, como está?“ Mit dem für Kolumbien typischen und freundlichen Smalltalk näherten wir uns an und schließlich fragte ich nach einem Parkplatz für die Nacht.

Er verneinte erst. Mit dem Wohnmobil reisen ist hier nicht verbreitet. Tourismus bedeutet meist auch Vollverpflegung. Doch als ich versicherte, dass wir keinerlei Service oder Versorgung erwarteten, war er einverstanden. 

Seine Finca ist typisch für diese Region: Überdachte Sitzplätze, Grillstellen, ein natürlicher Pool ,Spielplatz und Zugang zu einem Dschungelfluss. 

Gemeinsam mit seinem Nachbarn betreibt er die Anlage. Gerade an heißen Wochenenden kommen viele Familien hierher, zahlen Eintritt, baden, grillen und verbringen den Tag im Grünen.

Nacho vermittelte uns einen Kontakt für einen Geländewagen zum Cerro Azul. Wir konnten uns noch nicht entscheiden! Also beschlossen wir, am nächsten Tag erst einmal in die Stadt zu fahren und weitere Informationen für unsere Wunschtour zu sammeln.

Dass diese Entscheidung unseren gesamten Aufenthalt verändern würde, wussten wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Neue Freunde und eine Werkstatt des Vertrauens

Am nächsten Morgen fuhren wir nach San José del Guaviare, um einzukaufen und uns die Stadt anzusehen. Rund um den Zentralpark herrschte reges Treiben. Die Stadt feierte ihren 50. Jahrestag. Es gab Marktstände, Musik und Public Viewing – das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft zwischen Argentinien und Spanien wurde übertragen.

Beim Auto abschließen sprach uns ein Mann an. Sein Name war Luis. Wie so oft war es unser Wohnmobil, das seine Neugier geweckt hatte. Wir zeigten ihm unser Haus auf Rädern und kamen ins Gespräch.

Luis erzählte, dass auch er die Panamericana bereist hatte – allerdings mit einem Land Rover aus dem Jahr 1970. Sofort hatten wir ein gemeinsames Thema. Reisen verbindet eben, ganz egal, mit welchem Fahrzeug man unterwegs ist.

Noch bevor das Fußballspiel zu Ende war, lud er uns ein, auf seiner Finca zu übernachten. Aus einer zufälligen Begegnung wurde in ein paar Minuten Gastfreundschaft. 

Nach unserer ersten Nacht bei Luis fuhren wir am nächsten Morgen gemeinsam mit einem Nachbarn und dessen Land Rover zu Alejandro – dem Schrauber des Vertrauens.

Die Fahrt über die matschige Piste hatte Spuren hinterlassen. An unserem Mercedes mussten die Stabilisatorgummis erneuert werden. Tatsächlich waren noch die originalen Mercedes-Benz-Gummis von 1993 verbaut. Nach über dreißig Jahren waren sie schlicht verschlissen.

Diese unscheinbaren Gummilager sorgen dafür, dass die Achsen stabil arbeiten und nicht Metall auf Metall schlägt. Unser Tipp an alle, die mit einem älteren Wohnmobil auf Weltreise gehen möchten: Solche Verschleißteile vor der Abreise prüfen und gegebenenfalls austauschen – oder gleich Ersatz mitnehmen. 

Das spart unterwegs Zeit, Geld und Nerven. Nach dem ersten Werkstattbesuch fühlte sich das Auto zwar etwas besser an, ganz verschwunden war das Problem allerdings nicht.

Also nutzten wir den Nachmittag, um die Natur rund um San José del Guaviare kennenzulernen und fuhren zum Test gleich wieder Piste zu den Pozos Naturales. Dort zahlten wir Eintritt und einen Führer.

Wir hätten den Dschungel lieber auf eigene Faust erkundet. Doch unser Führer begeisterte uns außerordentlich! Er zeigte uns färbende Baumrinden, wilde Ananas und einen Baum, auf dem unzählige Geier wohnen. Alles sehr spannend!

Über einen Wanderweg durch den Dschungel, vorbei an einem erfrischenden Wasserfall, liefen wir über Felsformationen mit mangrovenartigen Bäumen und kamen schließlich zum Fluss.

Zwischen den felsigen Ufern liegen im Fluß mehrere Meter große Naturbecken. Das Wasser ist angenehm kühl und lädt nach der tropischen Hitze zum Baden ein! Was für ein herrliches Erlebnis!

Doch auf der Rückfahrt fiel uns auf, dass das Klacken an der Hinterachse immer lauter wurde. Aus einem leichten Geräusch war inzwischen ein deutliches Schlagen geworden. Also ging es direkt zurück zur Werkstatt.

Wir übernachteten wir direkt davor auf der Straße, damit am nächsten Morgen sofort weitergearbeitet werden konnte.

Am nächsten Morgen starteten Patrick und ich direkt mit der Fehleranalyse. Ich kletterte aufs Dach und schaukelte unseren MB711bis das Klacken hörbar war, während Patrick unterm Auto lag und schaute, woran es lag. 

Kurz darauf kam Alejandro dazu. Willkommene Kraftaufgabe für mich. Kurze Zeit später lernte ich Diossa kennen, Bekannte vom Schrauber. Sie gehört zur Gemeinschaft der Pirata Puya Indigena und fertigt aus Palmblättern wunderschönen Schmuck sowie Teller und Schalen in Handarbeit an.

Ich unterstütze gern Menschen vor Ort. Ein kleiner Teil ihrer Handwerkskunst schmückt seitdem unser Wohnmobil. Wir unterhielten uns ausgiebig  und auch ihr Sohn saß eine ganze Weile mit im Wohnmobil.

Nach dem Austausch aller vier Stabilisatorgummis folgte die nächste Probefahrt. Kein Klacken. Kein Schlagen. Unser Mercedes fuhr wieder ruhig und genauso, wie er sollte.

Am Abend kehrten wir erleichtert zu Luis zurück. Gemeinsam mit unserem Fahrer und dem Guide besprachen wir die Tour für den nächsten Tag. Endlich sollte es zum Cerro Azul gehen – dem Ort, weshalb wir die lange Reise bis zum Tor des Amazonas überhaupt auf uns genommen hatten.

Cerro Azul – Die Sixtinische Kapelle des Amazonas

Früh am nächsten Morgen ging es los. Vor unserem Wohnmobil wartete bereits der Land Rover von Luis, Baujahr 1970. Ein Fahrzeug mit Geschichte und genau das richtige Auto für die Pisten rund um den Amazonas.

Schon die Anfahrt war ein kleines Abenteuer.

Nach 2 von 3h Strecke streikte plötzlich die Benzinpumpe. Statt die Tour abzubrechen, wurde kurzerhand improvisiert. Einer der beiden Fahrer versorgte den Motor während der Fahrt mit einem Kanister Benzin und einem Schlauch. 

So arbeiteten wir uns Kilometer für Kilometer weiter über die insgesamt rund 55 Kilometer lange Piste. Doch für jedes Problem gibt es eine Lösung. Irgendwie geht es immer weiter in Kolumbien. 

Die Tour fand komplett auf Spanisch statt. Mittlerweile können wir den Gesprächen immer besser folgen. Wir merken jeden Tag, wie sehr sich unser Spanisch verbessert – einfach, weil wir hier täglich Möglichkeiten zum Sprechen haben und sie nutzen. Das ist der beste Sprachunterricht.

Der gesamte Park wird gemeinschaftlich organisiert. Die Wege werden gepflegt, Besucher empfangen und Führungen angeboten. Nach der Wanderung kann man dort auch essen. 

Fleisch, Fisch und viele weitere Lebensmittel stammen direkt von den Indigena Community. Für uns ist das eine schöne Form des Tourismus. Das Geld bleibt bei den Menschen, die hier leben und ihre Heimat mit Besuchern teilen.

Nach einer guten Stunde Fußweg erreichten wir schließlich den Fuß des Cerro Azul. Schon der Aufstieg fühlte sich besonders an. Mit jedem Schritt wurde der Dschungel stiller. Nur das Zirpen der Insekten, das Rascheln der Blätter und das Zwitschern der Vögel begleiteten uns.

Dann standen wir plötzlich vor den Felsmalereien.

Sie werden oft als die „Sixtinische Kapelle des Amazonas“ bezeichnet. Über die genaue Entstehungszeit sind sich Forschende bis heute nicht einig. Sicher ist, dass sie mindestens 12000 Jahre alt sind. 

Es gibt sogar die Hypothese, einzelne Darstellungen könnten deutlich älter sein – bis zu 250.000 Jahre. Wissenschaftlich gesichert ist diese Annahme allerdings bislang nicht. Unser Guide erklärte uns die verschiedenen Motive und erzählte von der Bedeutung dieses Ortes für die indigene Bevölkerung.

Christopher unser Guide zeigte uns die rötliche mineralische Farbe, mit der die Malereien angefertigt wurden waren, die kunstvoll mehrere Meter hoch an den weißen Kalkwänden angebracht wurden. Dafür wurden Leitern verwendet. 

Auch diese hatten die präkolumbianischen Künstler an den Wänden verewigt. Fast wie in einer riesigen natürlichen Kathedrale. Mit unserem Besuch am Amazonas ging für Patrick und mich ein großer Traum in Erfüllung. 

Dieser Ort war unglaublich schön. An einer Stelle tropfte Wasser von den 20m hohen weißen Kalksteinwänden und im Sprühnebel bildeten sich Mini Regenbogen. Lianen wanden sich um die Bäume.

Unser Guide führte uns durch eine Höhle mit wahnsinnig vielen Fledermäusen. In der Mitte angekommen schlug er vor, die Taschenlampen auszumachen. Diese Erfahrung war für mich etwas sehr besonderes. Erst dachte ich, dass ich im Dunkeln Angst bekommen würde.

Doch tatsächlich strahlte die Höhle eine unglaubliche Ruhe aus. Gleichzeitig lag etwas Ehrfürchtiges in der Luft. Wieder im Hellen, kamen wir zum Aussichtspunkt.

Besonders spannend fanden wir die Einführung in Mambe. Dabei werden geriebene Kokablätter traditionell verarbeitet und in kleinen Mengen genutzt. 

Lange bevor die Kokapflanze weltweit fast ausschließlich mit Kokain in Verbindung gebracht wurde, war sie für viele indigene Gemeinschaften ein wichtiger Bestandteil ihres Alltags und ihrer Kultur.

Auch die Geschichte dieser Region ist eng mit dem Kokaanbau verbunden. Bevor große Teile unter Naturschutz gestellt wurden, wurde hier über viele Jahre Koka angebaut. Noch heute sind ehemalige Anbauflächen zu erkennen. 

Nach und nach wurden sie renaturiert und der Regenwald erobert sich sein Gebiet zurück. Je länger wir dort oben standen, desto stiller wurde es in mir. 

Es war kein Ort, an dem ich viele Fotos machen oder ständig reden wollte. Ich wollte einfach nur schauen. Atmen. Die Atmosphäre aufnehmen und die Weite genießen. Solche Momente lassen sich kaum in Worte fassen. Man erlebt sie einfach. 

Schon neugierig, wo uns unsere Reise als nächstes hinführt? Wenn Du The Icermen News abonnierst, erfährst Du, sobald der nächste Artikel fertig ist!

Unsere Art des Reisens und Ecoturismo – auf kolumbianische Art

Nach der Wanderung aßen wir gemeinsam im Besucherzentrum zu Mittag. Es war schön zu sehen, dass der Tourismus hier so organisiert ist, dass die Menschen vor Ort direkt davon profitieren können.

Genau das möchten wir auf unseren Reisen unterstützen. Lokale Guides. Familienbetriebe. Kleine Restaurants. Handwerk aus der Region. Für uns fühlt sich Reisen dann richtig an, wenn unser Geld dort bleibt, wo wir zu Gast sind.

Nach unserer Tour zum Cerro Azul verbrachten wir noch zwei Nächte an der Puerta de Orión. Schon der Name klingt geheimnisvoll – und genauso wirkt dieser Ort auch.

Nicht weit vom Stadtzentrum erhebt sich im Dschungel der Serrenia de Lindosa ein riesiges natürliches Felsentor. Unser Stellplatz lag auf dem Grundstück einer einheimischen Familie, die diesen Ort besitzt und betreibt.

Es war einer dieser Orte, an denen man morgens die Tür des Wohnmobils öffnet und erst einmal nur dasitzt. Den Vögeln zuhört. Den Blick schweifen lässt. Und einfach genießt, genau dort sein zu dürfen.

Zur Puerta de Orion wanderten wir mit der Nichte der Eigentümer gleich früh am Morgen und waren wirklich beeindruckt. Schau’ dir meine Fotos dazu an! 

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